FRITZ KREISLER


(Wien 1875 – 1962 New York) 


Mit 10 Jahren absolvierte er das Wiener Konservatorium als Schüler Hellmesbergers und Bruckners; als Zwölfjähriger gewann er nach zwei Studienjahren bei Massart und Delibes den Premier Prix des Pariser Conservatoire. Seine Karriere führte ihn zu den glänzendsten Erfolgen auf allen Kontinenten, ließ ihn durch Jahrzehnte zum erklärten Liebling des Publikums in aller Welt werden, zum Idol einer ganzen Generation von Geigern. Er galt überall als Inbegriff des österreichischen, des Wiener Musikers und Künstlers.

Unter jedem Aspekt trug seine Persönlichkeit den Stempel des Außergewöhnlichen. Historisch gesehen gilt Fritz Kreisler als der letzte bedeutende Repräsentant der komponierenden Virtuosen der Romantik, zugleich aber war er einer der Wegbereiter des modernen Geigenspiels des 20. Jahrhunderts.

Kreisler wurde hineingeboren in das kulturell immens reiche Wien der Spätromantik, in eine Familie jenes enorm gebildeten, kunstsinnigen, nicht immer wohlhabenden jüdischen Bürgertums, das ein wesentlicher Träger der österreichischen Kultur um die Jahrhundertwende war.

Zwei Jahrzehnte hindurch blieb Fritz Kreisler der gefragteste und höchstbezahlte Violinvirtuose der Welt. Seine berühmten, unnachahmlichen kleinen Kompositionen erlebten Rekordauflagen und werden bis heute von allen Geigern geliebt und gespielt. Mit dem durch die bespiellosen Erfolge sich einstellenden Reichtum trat eine für Kreislers Wesen besonders charakteristische Eigenschaft zutage: seine Freude zu helfen; eine in diesem Ausmaß bei Künstlern nie gesehene Hilfsbereitschaft für den Nächsten – für junge, um Anerkennung ringende Virtuosen ebenso wie für verarmte Kollegen, für Opfer von Natur- und Kriegskatastrophen, aber auch ganz allgemein für Waisenkinder und notleidende Bevölkerungsschichten. Unvergessen bleibt seine Hilfe für seine Heimat Österreich, seine Vaterstadt Wien nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Heute, zwei Generationen nach dem Ende dieses außergewöhnlichen Künstlerlebens, faszinieren vor allem drei Merkmale: die fabelhafte musikalische Begabung: Kreislers hinreißendes, durch apollinische Leichtigkeit, tiefen Empfindungsreichtum und sprühende Mitteilungsfähigkeit gekennzeichnetes Musikertum, und zwar sowohl des Virtuosen als auch des Komponisten. Sein Charakter von seltener Harmonie schwebte zwischen heiterer Güte und unbeirrbarer Konsequenz, zwischen höchster künstlerischer Sensibilität und stoischer Gelassenheit, zwischen romantischer Verträumtheit und hellwacher Aufnahmebereitschaft gegenüber allen Phänomenen des Lebens. Und als Drittes schließlich ein unübersehbarer, treuer Glücksstern, der über Kreislers Leben zu stehen schien und der fast immer alles Dunkle auch in schweren Zeiten von ihm fernhielt.

Michael Frischenschlager


Kurze Chronologie von Kreislers Leben 

1875  Geboren am 2. Februar in Wien als zweites von fünf Kindern einer aus Galizien stammenden, hochmusikalischen jüdischen Arztfamilie.

1879 • Erster Violinunterricht mit vier Jahren. Sofort zeigt Fritz spektakuläre musikalische Begabung.

1882 - 85 • Eintritt in das Wiener Konservatorium als Wunderkind, Schüler von Joseph Hellmesberger junior und Anton Bruckner. Aufsehenerregende erste öffentliche Konzerte. Erste Komposition des Achtjährigen. Abschluß mit Diplom und Goldmedaille.

1885 - 87 • Fortsetzung des Studiums am Conservatoire in Paris bei Joseph Lambert Massart und Leo Delibes. Nach zwei Jahren Abschluß des Pariser Studiums mit dem Grand Premier Prix als weitaus jüngster aller Studenten. Damit endet Kreislers regulärer Violinunterricht. Rückkehr nach Wien.

1888 - 89 • Tournee des Wunderkindes in die USA mit 50 Konzerten zusammen mit dem Pianisten Moritz Rosenthal.

1889 - 95 • Zurück in Wien. Die Geige tritt in den Hintergrund. Der Vater besteht auf Besuch des Piaristengymnasiums. Matura, Militärdienst als einjährig-Freiwilliger in der K.u.K.-Armee, Reserveoffizier. Kurzer Versuch, an der Wiener Universität Medizin zu studieren. Prof. Billroth rät eindringlich zur Musik als Beruf.

1896 - 98 • Rückkehr zur Musik, zur Geige. Missglücktes Probespiel für das Orchester der K.u.K. Hofoper. Komposition der genialen Kadenzen zum Beethoven-Konzert und der ersten, bald berühmten kurzen Violinstücke in historischen Stilen. Erste Tourneen als Solist (Griechenland, Türkei, Rußland). Eineinhalb Jahre nach dem mißlungenen Versuch Philharmoniker zu werden und nach weiteren erfolgreichen Konzertreisen (innerhalb der Donaumonarchie, Deutschland) triumphale Rückkehr in den großen Musikvereinssaal als Solist mit den Wiener Philharmonikern unter Hans Richter am 23. Jänner 1898.

1899 - 1914 • Die Weltkarriere beginnt. Am 1. Dezember 1899 erstes Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter Arhur Nikisch. Immer mehr Tourneen durch alle Länder Europas und die USA. 1902 Heirat mit Harriet Lies, Tochter eines New Yorker Tabakgroßhändlers, die die Karriere ihres genialen Mannes vorbehaltlos unterstützt. Kreisler wird Publikumsliebling auf allen bedeutenden Konzertpodien der Welt. 260 Konzerte pro Jahr. Seine Kompositionen in historischen Stilen, zunächst als echte alte Manuskripte deklariert, und ebenso die Wiener Melodien (Caprice Viennois, Schön Rosmarin, Liebesfreud etc.) finden reißenden Absatz.

1910 - 12 • 70.000 verkaufte Exemplare in einem Jahr. Exklusiver Plattenvertrag mit Victor in London.

1912 • Klaviertrio Kreisler, Harold, Bauer, Casals.

1914 - 18 • Erster Weltkrieg. Kreisler erfüllt seine Pflicht als Reserveleutnant der Armee seines Vaterlandes und geht – begleitet von seiner als Rot-Kreuz-Schwester tätigen Frau – an die russische Front. Verwundung, Genesung. Übersiedlung nach New York. Beginn der großen Wohltätigkeitsaktionen (Benefizkonzerte, Sammlungen) für österreichische Kriegswaisen und Witwen. Nach Kriegseintritt der USA erzwungenes Ende der Konzerttätigkeit. Komposition der ersten Operette „Apple Blossoms“. (Erfolgreiche Uraufführung 1919 in New York) Komposition des Streichquartetts in A-Moll.

1919 - 24 • Erstes Konzert Kreislers nach Kriegsende in der Carnegie Hall zur Hilfe der hungernden Wiener Kinder. Mit überwältigendem Erfolg nimmt die Weltkarriere ihren Fortgang. Konzertreisen nach China, Japan, Korea. In den USA immer wieder Hilfsaktionen für das in tiefer Not stehende Österreich. 1921 triumphales Comeback in London, 1924 ebenso in Paris. Fast alle Konzerte dieser Jahre in Deutschland und Österreich widmet Kreisler karitativen Zwecken. Die österreichische Regierung erwägt, Kreisler zum Botschafter in den USA zu ernennen.

1925 - 38 • Kreisler ist der gefeiertste, höchstbezahlte Violinvirtuose seiner Zeit. Übersiedlung zurück nach Europa und Kauf eine repräsentativen Villa in Berlin. Zu den üblichen Tourneen in Europa und USA kommen. Konzertreisen in die fernsten Kontinente (Australien, Neuseeland, nach Südamerika mit dem Zeppelin). Stiftung eines Fritz Kreisler Preises für die Violinstudenten der Wiener Musikakademie.

1932 • Uraufführung von Kreislers zweiter Operette „Sissy“ im Theater an der Wien mit Paula Wessely und Hans Jaray als Sissy und Kaiser Franz Joseph. In Berlin bemüht sich Kreisler seit 1933, die Diskriminierung prominenter jüdischer Künstlerkollegen zu verhindern.

1935  • Die Stadt Wien feiert Kreisler zu seinem 60. Geburtstag im Wiener Rathaus. Bürgermeister Richard Schmitz überreicht Kreisler im Beisein höchster Prominenz den Ehrenring seiner Heimatstadt.

1939 - 45 •  Kreisler weigert sich nach der Auslöschung Österreichs die aufgezwungene deutsche Staats-bürgerschaft anzunehmen. Seine Kompositionen kommen auf die schwarze Liste. Er wird französischer Ehrenbürger, verläßt sein Berliner Haus und übersiedelt zum zweiten Mal in seinem Leben nach New York in die Heimat seiner Frau. Diesmal für immer. Weiterhin Konzerttätigkeit. 1941 schwerer Umfall, Kreisler wird von einem Lastwagen niedergefahren und schwer verletzt. 1943 die letzte Komposition, wiederum seiner Heimatstadt gewidmet: „Viennese Rhapsodic Fantasietta“. Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft.

1945 •  Kreisler spielt an seinem 70. Geburtstag in der Carnegie Hall das Konzert von Sibelius.

1945 - 62 • Nach dem Ende des Krieges türmen sich in den Sammelstellen der Hilfsorganisationen wieder die Sendungen voller Schuhe, Kleider, Lebensmittel, Spielsachen und Medikamente für Wien und Berlin mit dem Absender Fritz und Harriet Kreisler. Allmähliches Ende der Konzerttätigkeit nach 60 Jahren beispielloser Erfolge.

1949 •  Kreisler versteigert seine berühmte Bibliothek (Handschriften, frühe Drucke, Erstausgaben, Inkunabeln) und schenkt den Erlös von ca. 1,5 Millionen Euro im heutigen Wert dem New Yorker Lennox Spital und der Golden Rule Stiftung.

1952 •  Kreisler schenkt zusammen mit seinem gesamten persönlichen musikalischen Nachlass der Library of Congress kostbare Autographen - u.a. das Violinkonzert von Brahms - und seine Lieblingsgeige, die er über zwanzig Jahre spielte, eine Guarnerius del Gesù von 1733 – nach Hill die schönste heute existierende Guarnerius.

1955  • Die musikalische Welt, Staatsoberhäupter, Monarchen, Künstler und Musikinstitutionen aller Kontinente ehren Kreisler zu seinem 80. Geburtstag.

1962  •  Am 29. Jänner vollendet sich das Leben des großen österreichischen Geigers und Komponisten in New York.



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